Nicht einen subtilen Moment gibt es in 6 Underground, die Action setzt hingegen Maßstäbe. Ausgerechnet für Netflix hat Michael Bay seinen bildstärksten Film gedreht.


 

Michael Bay und Netflix - das ist eine Verbindung, die auf den ersten Blick überhaupt keinen Sinn ergibt. Bays Filme bedienen vor allem visuelle Reize und schreien damit förmlich nach einer großen Leinwand, die der Streaming-Dienst seinen Produktionen aber meistens verwehrt. Zustande gekommen ist 6 Underground natürlich dennoch, und nicht einfach nur das. Hier haben wir es vielleicht mit dem ultimativen Michael Bay-Film zu tun.

Netflix ist bekannt dafür, verpflichtete namhafte Regisseure nicht an die kurze Leine zu legen. Bei Bay jedoch muss vielleicht weniger von kreativer Freiheit als vielmehr von Narrenfreiheit gesprochen werden, welche er hier genießt. In 6 Underground passieren viele Autounfälle, der Film selbst ist in gewisser Weise auch einer: Wegschauen geht nicht, obwohl dieser über zweistündige Overkill irgendwann ermüdet. Achtung, Spoiler zu 6 Underground!

6 Underground mit Ryan Reynolds: Michael Bay kennt keine Grenzen

Michael Bay fackelt nicht lange und präsentiert uns schon zu Beginn eine denkwürdige Verfolgungsjagd durch Florenz in einem neongrünen Alfa Romeo. Deadpool-Star Ryan Reynolds befindet sich mit seiner Crew aus Gerechtigkeitskämpfern auf der Flucht, auf der Rückbank muss eine Patrone aus dem Bauch einer Mitstreiterin entfernt werden.

6 Underground: Ryan Reynolds als Anführer einer Elite-Einheit © Netflix

 

Eine Einstellung ist aus dem Innern des Körpers der Verletzten gefilmt und wir blicken durch genau jenes Loch, das die Kugel gerissen hat. Wer das geschmacklos findet, darf sich kurz darauf daran erfreuen, wie Reynolds mit einem abgetrennten Augapfel hantiert. Wohlgemerkt passiert all das in der ersten halben Stunde, wir laufen uns erst warm.




 

Bays teilweise sehr streitbarer Humor hat sich offensichtlich nicht verändert. Ihn als Regisseur darauf oder auf all die haarsträubenden Klischees zu reduzieren, die auch 6 Underground wieder auffährt (in Italien zum Beispiel sind Frauen entweder Nonnen oder leichtbekleidete Models), greift allerdings zu kurz.

Fest steht nämlich ebenso: Was 6 Underground schon in den ersten Minuten an Action zeigt, war 2019 so im Kino nicht zu finden. Autos wirbeln durch die Luft, idyllische Cafés werden aufgemischt, die Kathedrale entweiht und ein Hubschrauber abgeschüttelt. Menschen wie Gegenstände bewegen (ja, hier muss ein Überbegriff her) sich in einer Frequenz, die spitzfindige Zuschauer schnell an einen überdimensionalen Rummelplatz erinnern kann. Was Martin Scorsese wohl von dem Film hält?

6 Underground ist ein Netflix-Blockbuster zwischen Genie und Wahnsinn

Wie gewohnt arbeitet Bay mit schnellen Schnitten und wie immer weiß er genau, wo die Kamera zu sein hat, um dem Publikum das maximale visuelle Spektakel zu bieten. Besonders die Szenen von "Nr. 4" Ben Hardy lassen uns die Luft anhalten, wenn er sich seinen Weg von der Kuppel nach unten bahnt.

In einer Rückblende hält ihn einzig eine teure Halskette in seinem Mund, deren anderes Ende seine Gegenspielerin ergriffen hat, kurzzeitig vom Sturz in die Tiefe ab. Die Action macht also nicht bloß auf cool, sondern unterhält - sogar für Michael Bays Verhältnisse - einfach auf herrlich bekloppte Art und Weise. Mission: Impossible, James Bond und die Fast & Furious-Reihe in einem einzigen Blockbuster miteinander in Einklang zu bringen, schafft wahrlich nicht jeder.

Das Vermitteln von Größe in einem räumlichen Sinne ist eines der vielen Potenziale des Kinos, Bay entfesselt es auch für Netflix. Ironischerweise ist 6 Underground vielleicht sogar sein bislang bildgewaltigster Film. Jedoch hat der Regisseur einen natürlichen Feind, den keine Explosion der Welt ausmerzen kann: das Drehbuch.

Brachiale Action in 6 Underground © Netflix

Über die Details der Handlung sollten wir demnach lieber nicht ausgiebig nachdenken: Ein Milliardär (Reynolds) erkennt, dass er die Welt mit seinem Geld nicht retten kann und gründet eine geheime Elite-Einheit, um durch Taten Gerechtigkeit herbeizuführen. Ins Visier nimmt die sechsköpfige Truppe einen Diktator aus Turgistan - ein Thanos auf Erden, der durch seinen demokratisch gesinnten Bruder als Herrscher ersetzt werden soll.

6 Underground ist unterhaltsam und schmerzlich dumm

Müssten wir 6 Underground ernst nehmen, wäre das wohl ein gefährlicher Film mit Aufruf zur Selbstjustiz. Dass Bay bei der Gelegenheit bis zum Exzess seinem filmischen Hang zum Militarismus sowie - damit verbunden - seiner Vorliebe für Waffen frönt, versteht sich beinahe von selbst und dürfte niemanden mehr überraschen.

Nüchtern betrachtet hat Netflix mit 6 Underground genau das bekommen, wofür es bezahlt hat. Der Film markiert durchaus eindrucksvoll den Vorstoß des VoD-Anbieters in Blockbuster-Gefilde und deshalb ist umso bedauerlicher, dass wir den neuen Bay nicht im Kino sehen dürfen (wo er hingehört).

Nebenbei ist der Actioner womöglich auch der radikalste Autorenfilm, den der Dienst bislang veröffentlicht hat. Wenn Michael Bay B-Movies mit einem A-Movie-Budget produziert, macht es anscheinend keinen Unterschied, ob er für die große Leinwand oder Netflix dreht - irgendwie ist dieser Wahnsinn eben doch sympathisch.

 

Quelle: moviepilot.de





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